In der Psychotherapie wird der Begriff des Unbewussten von verschiedenen „Schulen“ unterschiedlich definiert. Geht die klassische psychoanalytische Definition davon aus, dass das Unbewusste der Sitz des "Verdrängten" ist, dass dort "dunkle Triebe" ihren Ursprung haben, die uns krank machen können, liegen mir persönlich die aus der klinischen Hypnose entliehenen, weitaus vielfältigeren und hoffnungsvolleren Annahmen vom Inhalt des Unbewussten deutlich näher.
Danach umfasst das Unbewusste zwar auch verdrängte Konflikte, birgt aber darüber hinaus vor Allem einen wunderbaren, unglaublich großen Schatz an Kraftquellen („Ressourcen“), die einer Person derzeit vielleicht aus irgendeinem Grunde gerade nicht oder nicht mehr zur Verfügung stehen oder die vielleicht noch nie ausprobiert wurden und deshalb bisher noch nicht zur Verfügung standen oder von denen man bisher noch gar nichts ahnte, bis man sie plötzlich entdeckt.
Diese Beschreibung des Unbewussten, die in neuerer Zeit dem Nestor der modernen Hypnose, Milton H. Erickson zugeschrieben wird, überwindet das aus meiner Sicht viel zu oft bemühte „Defektmodell“ in der Medizin (das annimmt, dass jeder von uns lediglich mehr oder weniger defizitär sei) und geht stattdessen von dem Bild des Unbewussten als eines Gartens mit fruchtbarem Boden aus, bei dem man sich erlauben darf, einfach neugierig zu beobachten, was sich aus den vielen im Erdreich bereits vorhandenen Möglichkeiten spontan oder mit ein wenig Hege und Pflege an Erwartetem oder Unerwartetem, Neuem und Gutem ergeben wird.
Diese Aufgabe der „Utilisation“ von Ressourcen gehört zu den wirklich schönen Aufgaben der Psychotherapeutenprofession.
Gelingt es dann, diese eigentlich schon bestehenden Kraftquellen (wieder) aktiv für einen selbst nutzbar zu machen, geschieht so etwas Ähnliches, wie auf dem nebenstehenden Herbstbild, auf dem sich aus einem unsichtbaren, aber vorher schon lange dagewesenen Myzelium im Waldboden plötzlich zwei wunderschöne, farbige Pilze entwickelt haben.
Und die weitere Idee eines von Allen gemeinsam geteilten Anteils des Unbewussten, den der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung das "kollektive Unbewusste" nannte, schlägt Brücken zu sozialwissenschaftlich-kulturellen und spirituellen Ansätzen.